Google schreibt zur Nutzerinteniton: Wenn ein Nutzer etwas eintippt oder die Sprachsuche verwendet, versucht er etwas zu erreichen. Wir bezeichnen dieses Ziel als Nutzerintention. [Originaltext: User Intent: When a user types or speaks a query, he or she is trying to accomplish something. We refer to this goal asthe user intent.]

Accomplish something, etwas erreichen. Schon klar, aber was außerdem?


Da ist ein Denkfehler bzw. eine Auslassung in der Definition. Natürlich will jemand etwas erreichen, wenn er eine Frage formuliert, wenn es keine rhetorische Frage ist.

Eine Frage ist aber noch lange keine hinreichende Definition für eine Absicht:

„Wie ist das Wetter?“ Hinter dieser Allerweltsfrage können sich viele Intentionen befinden:

  • Ist das Wetter (Suchintention: Wetterbericht) gut genug, um einen Ausflug zu machen? (Ausflug planen = Nutzerintention)
  • Ist das Wetter schlecht genug, um ins Kino zu gehen? (Film ansehen = Nutzerintention)
  • Wird es regnen, oder muss ich den Garten der verreisten Nachbarn heute gießen? (zufriedene Nachbarn = Nutzerintention)

Schon drei Intentionen, obwohl doch klar war, was die Nutzerintention wäre: Wetterauskunft. Wetterauskunft ist nur die Suchintention, nicht aber die Nutzerintention.

Google definiert die Suchintention als Nutzerintention. Damit ist aber zu früh Schluss mit dem Involviertsein der Nutzer. Und das wird erst richtig spannend, wenn es um die langfristige Zufriedenheit der Nutzer geht. Nutzerzufriedenheit ist ja das Google-Credo.

So lange nur ein Laufschuh gesucht wird, ist alles gut

Es ist müßig, sich die Frage zu stellen, ob jemand mit einem Laufschuh laufen oder ihn für Dekorationszwecke einsetzen will. Der Online-Schuh-Shop verkauft den Schuh und hat sein Umsatzziel erreicht.

Bei komplexen Fragestellungen reichen keine einfachen Antworten

Je mehr von einer Antwort abhängt, desto weniger kann sich der Fragende eine zu starke Vereinfachung leisten. Leisten auch in dem Sinne, dass es um seine Gesundheit gehen kann, seine Altersvorsorge, seine Lebensgestaltung.

Suche: „Scheidungsanwalt Berlin

Der Search Intent, so die Suchmaschine, dürfte Scheidung in Berlin sein. Und per definitionem ist das laut Google-Suchmaschinen-Richtlinien (Search Quality Evaluator Guidelines) gleichzeitig der User Intent.

Scheidungsanwalt Berlin >> Nutzerintention = Scheidung – kann ein Trugschluss sein

Es könnte sich da jemand gerade darum bemühen, die eigene Ehe zu retten. Jemand, der / die gar nicht an die Scheidung denkt, sondern ans Zusammenbleiben.

  • Er / sie sucht nach guten Gründen für eine Eheberatung.
  • Dabei schaut er / sie auch bei Scheidungsanwälten vorbei, um sich unter Einbeziehung aller Fakten, auch der rechtlichen, erneut für die eigene Ehe und ihren Erhalt zu entscheiden.
  • Ein erneute Ja-Wort, diesmal ohne den Partner, im Einvernehmen mit sich selbst und für die Familie. Das ist hier der User Intent.
  • Die Suchintention entscheidet sich hier diametral von der Nutzerintention, weil nicht die Scheidung das Ziel ist, sondern die Reparatur und die Pflege der Ehe.

Brauche ich noch zu schreiben, was das für die Onpage-Optimierung von Eheberatern bedeuten könnte?

Hummingbird: gute Intention von Google – und ausbaufähig

Die Intention hinter dem Hummingbird-Update (Algorithmus wurde im Jahr 2013 umgestellt) war: Konzentration auf den Nutzer, seine Absicht und den Kontext, in dem Suchanfragen gestellt werden. Hier gibt es jedoch ein kleines Problem, das mit Geld zu tun hat. In erster Linie ist auch das Hummingbird-Update eine Geschäftsidee. „Pizza Chicago“ wird in Abhängigkeit vom Standort des Smart-Phones bei guter Local-SEO-Arbeit die nächste Pizzeria in Chicago zeigen.

Die Suche nach „Pizza“ fand hier statt, weil jemand für ein schnelles Essen unterwegs keine Alternative zu Pizza auf dem Schirm hat. Jetzt sind wir wieder bei der Frage, was die wahre Nutzerintention ist. Entscheiden wir uns für: satt werden, und zwar gesund und bis zum Abend satt werden. Dazu kann Pizza kaum passen. Dazu kann hervorragend eine neue Suppenküche zwei Straßen weiter passen, die nahrhafte und gesunde Speisen anbietet. Für Google aber ist bislang noch (Google Search Quality Evaluator Guidelines, 27. Juli 2017) der Search Intent gleichbedeutend mit dem User Intent.

Was wäre hier die optimale Nutzererfahrung?

Was erwartet der Suchmaschinennutzer, wenn man die Sache richtig durchdenkt? Die Suchintention (Pizzeria finden, weil mich eine Pizza schnell sättigen könnte) wäre mit dem Routenplaner zur nächsten Pizzeria erfüllt. Die Nutzerintention nicht. Die Nutzerintention ist in dem Moment erfüllt, indem der Nutzer die Wahl hat: die Wahl nicht nur zwischen zwei Restaurants mit Pizza, sondern zwischen Pizza und solchen  Speisen, die gesund und anhaltend satt machen.

Mehr Menü, bitte, und nicht so viel „Fast Good“

Mehr Menü bezieht sich nicht nur auf Speisekarten. Es braucht mehr Auswahl und Vielfalt in den Suchergebnissen. Es braucht zudem die Bereitschaft der User, sich von einer Gewohnheit zu verabschieden: dem Konsumieren von „Fast Good“.

Mit Fast Good meine ich, dass sich immer mehr Menschen dazu verleiten lassen, den Suchmaschinen und der vermeintlichen künstlichen Intelligenz (AI) das Denken zu überlassen.

„Bei Google auf die Seite 2 kommen“

Auf Seite 1 bei Google wird es immer enger. Local Snack Pack, Anzeigen mit Erweiterungen, Bilder, Rich Snippets. Und perfekt zu Geschäftszwecken SEO-getunte Seiten. Wieviel Platz bleibt da noch für Vielfalt?

Die Empfehlung für den wirklich interessierten Suchenden kann daher nur sein:

Geh auf Seite 2 und 3, dort wirst du fündig. Dort sind auch solche Seiten vertreten, deren Betreiber keine hohen SEO-Budgets haben. Das könnte einen Bewusstseinswandel auslösen. Wer schnell eine Smart-Phone-Hülle bestellen will, geht vorne shoppen oder gleich zu Amazon. Wer etwas für sein Leben erfahren will, beginnt seine Suche bei Google auf der Seite 2 und schaut auch auf Seite 3 genau nach.

„Auf gut Glück – ich lasse mich überraschen“

Der Auf-gut-Glück-Button (I’m feeling lucky) wurde abgeschafft, weil die Nutzer ohne Ad-Clicks direkt auf einer einigermaßen passenden Website gelandet waren. An Google und seinen Einnahmen vorbei. Inzwischen zeigen Google Suggest und die Related Searches zwar Vorschläge und Alternativen. Aber auch hier gilt die Google-Regel: Search Intent setzt die Suchmaschine derzeit noch mit dem User Intent gleich.

Die Ergebnisse sind sichtbar. Eine thematische Ausdünnung der Auswahl, die sich nicht gut auf die Nutzererfahrung auswirkt. Es wird die Illusion von Vielfalt und Auswahl erzeugt.

Auf gut Glück eine Inspiration finden = auf Seite 2 und Seite 3 mit der Suche beginnen. Für Google und weitere Suchsysteme müsste das übrigens keine Einbußen mit sich ziehen. Es könnte die Systeme sogar noch attraktiver werden lassen. Weil sich die Website-Betreiber nicht mehr um das Phantomziel Seite 1 bemühen würden, sondern um die User.

Was kann das für die Betreiber von Websites und die Onpage-Optimierung bedeuten?