Suchmaschinen und das Dilemma mit den zu schnellen Antworten

Schnelle Antworten werden gesucht. Wer sie findet, gibt sich meistens zufrieden. Ein Dilemma, das nicht nur zur Trägheit führt, sondern uns viel verpassen lässt.


Die ewige Sache mit der Suche. Der Mensch sucht sein Leben lang. Das Neugeborene sucht die Brust der Mutter. Und so geht es ab da ständig weiter.

Es beginnt (und endet oft nie) die Suche:

  • nach Freunden
  • nach Anerkennung
  • nach einem Lebenspartner
  • nach dem geeigneten Beruf
  • nach dem Hausschlüssel
  • nach der kürzesten Verbindung von A nach B
  • nach dem besten Italiener

Zu alledem gibt es längst Online-Angebote. Die Suchenden machen überall die Erfahrung, dass die Antworten bereits gegeben sind:

  • Auf der Suche nach Freunden positionierst du dich in einem sozialen Netzwerk.
  • Bei der Suche nach Anerkennung ebenfalls.
  • Und wenn du Glück hast, springt hier auch noch der passende Lebenspartner dabei heraus.
  • Alles im Lot also in einer sehr eingeschränkten Welt(sicht) und Realitätskonstruktion.

Suchmaschinen und das Geschäft mit der Ungeduld

Keine Frage. Schnelle Rechner und präzise arbeitende Programme sind für viele Lebensbereiche unverzichtbar:

  • Verkehrsplanung
  • Meinungsforschung
  • Wahlprognosen
  • Finanzwirtschaft
  • Forschung und Lehre
  • Medizin

Datenintensive Disziplinen profitieren von schnellen Rechenoperationen. Menschen profitieren davon nicht immer – bzw. häufig nicht.

Schnelle Antworten machen träge

Schnelle Antworten machen deshalb träge, weil sie den Menschen auf die Dauer das Denken und das Differenzieren abgewöhnen.

Ist Hans im Zimmer anwesend? Diese Frage lässt sich schnell und zuverlässig mit Ja oder Nein beantworten. Wirklich?

  • Eine schnelle und präzise Antwort mit Ja oder Nein ist nur möglich, wenn Hans nicht auf der Schwelle zu einem anderen Zimmer steht
  • Ein eindeutiges Ja bzw. Nein funktioniert nur, wenn Hans nicht mit seinen Gedanken woanders ist. Denn er könnte zwar im Zimmer sitzen, seine Aufmerksamkeit auf aber auf einen anderen Ort richten. Somit wäre er zwar physisch da, jedoch auch abwesend.

Auch eine vermeintlich einfache Frage darf und sollte differenziert gestellt werden. Sonst kommt es schon bei der obigen Hans-Frage zu Antworten, die der Situation nicht gerecht werden.

Schnelle Antworten sind zwar verführerisch, weil sie häufig sehr plausibel daherkommen. Wer sie jedoch als DIE Antworten akzeptiert, verpasst die Gelegenheit des Nachforschens und Nachdenkens.

Für viele ist das Nachdenken eine lästige Beschäftigung

Diesen Zeitgenossen kommen schnelle Antworten gerade recht:

  • in der Politik
  • im Online-Shop
  • in den Medien

Wissen macht dumm

Sobald wir zu wissen meinen, hören wir auf, zu denken und zu fragen. Aus welchen Quellen ein Wissen jeweils stammt, ist uns weniger wichtig als die Art der Aufbereitung. Erscheint etwas als plausibel und glaubwürdig, gilt es als gesetzt und gekauft. Wenn ich hier in der Wir-Form schreibe, beziehe ich mich auf Menschen, die das Reflektieren für überflüssig halten –  also ausdrücklich nicht auf Sie als Leser dieses Beitrags.

Informationen werden mit Wissen verwechselt … und Wissen mit Gewissheit

Alle Formen von Propaganda und Demagogie arbeiten mit der Bereitschaft von Menschen, aus Informationen und Behauptungen eigene Gewissheiten zu konstruieren. Deshalb ist der kritische Denker die Persona non grata in jeder Diktatur. Weil er die Menschen anstecken könnte mit der Ungewissheit, mit dem Zweifel an den mentalen Fertiggerichten. Im Onlinemarketing, besonders bei Nischenthemen wie Preisvergleichen und spezialisierter Medizin, wird viel Geld mit fertigen Antworten verdient.

Preisvergleiche und Testberichte sollen die eigene Meinung ersetzen

Amazon, Google und Arztbewertungsportale … das sind nur drei Beispiele dafür, wie sehr wir uns inzwischen bei der Auswahl unserer Bücher, Reiseziele und Gesundheitsangebote auf Algorithmen verlassen.

Auch hier sind mit „wir“ die weniger reflexionsfreudigen Menschen gemeint. Alle anderen wissen genau bzw. fragen sich:

  • Wer allein deshalb nicht in ein Restaurant geht, weil es eine schlechte Kritik oder einen Verriss erhalten hat, gibt seine Meinung an andere ab.
  • Wer nicht zu einem Arzt geht, weil dieser schlechte Bewertungen erhalten hat, kennt sich nicht im Negativmarketing aus – alles ist käuflich. Auch 5 Sterne oder eine 1,0. Notfalls erledigt es der Anwalt.
  • Warum waren Fake-Vergleichstest-Seiten eigentlich so erfolgreich?
  • Warum finden sich zu bestimmten Psychotherapiefragen ausgerechnet nur die zwei in die Jahrzehnte gekommenen Richtlinienverfahren auf den ersten Seiten? Warum nicht die wesentlich wirksamere systemische Therapie, der hypnosystemische Ansatz, die Ego-State-Therapie, die Teilearbeit usw.?
  • Warum finden sich neben Antwortseiten nicht auch Frageseiten auf der Seite 1 in den SERPs?

Die Liste ließe sich fortsetzen. Jede Fortsetzung würde zur gleichen Erkenntnis führen:

Was heißt das für das Onlinemarketing und die Suchsysteme?

Aus Sicht von Branchen und Industrien ist es selbstverständlich ein Gewinn, wenn eine Frage zugunsten des eigenen Angebotes schnell und eindeutig beantwortet wird:

  • Wenn die Zielgruppe die Antwort samt Produkt bzw. Leistung kauft …
  • … dann ist das richtig im Sinne des Marketing-Briefings.
  • Wenn sich dann später Zweifel beim Käufer regen oder der Käufer irgendwann stirbt, ohne je eine Alternative zur erworbenen „Wahrheit“ gesehen zu haben, lässt sich das aus Sicht der Märkte verkraften.
  • Geld war im Umlauf, Arbeitsplätze wurden gesichert, Rohstoffe wurden verarbeitet. So die Argumente der Industrie.

Ein Geschäft auf der Basis schneller Antworten wird häufig ohne die Kunden gemacht. Für das Onlinemarketing und die geldbasierten Suchsysteme sind hirngerechte Fertigmeinungen ideal. Sie verkaufen sich am besten. Alles mögliche wird dadurch ins Zentrum gestellt. Am wenigsten aber die Intention von Menschen.

Würde mehr Auswahl im Onlinemarketing zu Verlusten führen?

Das Geld würde in einigen Bereichen anders verteilt werden. Soviel ist sicher. Aber auch wenn mehr Menschen von sich aus auf der Seite 2 oder der Seite 3 mit ihrer Suche beginnen, bleibt genug Nachfrage übrig für Werbeeinnahmen auf der Seite 1.

Wie kann es technisch funktionieren? Online mehr Fragen, weniger Antworten

Es würde einige Monate dauern und einige überregionale Zeitungsartikel brauchen, bis der moderne Mensch wieder öfter in den Suchmodus geht, statt im Habe-Gefunden-Autopilot zu surfen. Es kann sich für jeden lohnen, darüber nachzudenken.

Zum Angebot: Fragen an die Zielgruppe für die Website